Stefan Abermann im Interview mit Doris Eibl (16. Januar 2015)


Stefan Abermann, Hundestaffel, Innsbruck, Skarabeus Verlag, 2011.

Stefan Abermann, Hundestaffel, Innsbruck, Skarabeus Verlag, 2011.

DE: Stefan, dein erster Roman Hundestaffel wurde 2014 mit dem Preis für künstlerisches Schaffen der Stadt Innsbruck ausgezeichnet. Meinen herzlichen Glückwunsch! Ich kenne dich seit vielen Jahren als erfolgreichen Poetry Slammer und Mitorganisator der Innsbrucker Lesebühne „Text ohne Reiter“. Wie kommt man vom Slam zum Roman, von der Bühne in die Einsamkeit der Romanproduktion?

SA: Der Unterschied zwischen den Genres ist vielleicht für die Rezipienten größer als für mich als Autor. Wenn man schreibt, schreibt man ja immer „für“ etwas und passt die literarischen Mittel dementsprechend an. Manche Genres liegen einem dabei vielleicht mehr, andere weniger, aber am Ende ist es doch wieder ein und dasselbe: schreiben. Aber für das Publikum, das mich vom Poetry Slam kannte, war der Roman sehr überraschend, vielleicht sogar enttäuschend, weil meine Kurztexte ja eher kabarettistisch sind, der Roman aber sehr düster.

DE: Hundestaffel wurde in erster Linie als Roman über die Abgründe der Jugendkultur gelesen, als Text über Rohypnolmissbrauch, Gruppenzwang und ähnliche Themen. Als solcher wurde er auch in der Presse rezipiert. Vor dem Hintergrund jugendlicher Gratwanderungen kristallisiert sich bei der Lektüre aber schon bald ein zentrales Motiv heraus: Don Juan. Man kann deinen Roman zweifellos als zeitgenössischen Don-Juan-Roman bezeichnen, als Text, in dem dieser alte Mythos auf die gegenwärtige Jugendszene übertragen wird. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen, Don Juan ist das eigentliche Thema deines Romans. Könntest du diesen Aspekt etwas ausführen?

Stefan AbermannSA: Also für mich ist dieser Roman wirklich bis ins Detail ein Don-Juan-Roman. Es handelt sich sogar um eine teilweise Eins-zu-eins-Übertragung von Szenen, die so schon bei Tirso de Molina oder bei Molière vorgekommen sind. Gleichzeitig muss man sagen, dass mit dem Don Juan immer auch schon eine Darstellung dessen, was man als Jugendszene bezeichnen könnte, verknüpft war. Insofern ist es nur ein halbes Missverständnis, wenn man den Roman als Fiktion zur Jugendkultur liest. Dennoch war es für mich immer wieder sehr überraschend, dass dieser Jugendaspekt so stark in den Vordergrund gerückt wurde. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Prätexte, auf die ich mich beziehe, nicht mehr allgemein bekannt sind. Aber im Großen und Ganzen folgt Hundestaffel ganz klar den Vorgaben des Mythos. In meinem Roman sind alle wichtigen Story-Elemente des Mythos verarbeitet. Um vielleicht kurz einen Einblick zu geben, was in dem Buch passiert: Die Geschichte entspinnt sich rund um eine sehr charismatische Figur namens Hannes. Hannes steht im Zentrum einer Gruppe von jungen Menschen, die ihm mehr oder weniger willfährig folgen. Hannes ist jedoch eine Don-Juan-Figur, die bis zu einem gewissen Grad ihre Macht über Frauen verloren hat, die ihre magische Anziehungskraft verloren hat und deswegen zu Rohypnol greift, um sich insbesondere ein Mädchen, dass sich ihm widersetzt, gefügig zu machen. Das mündet in Chaos, in einen Unfall und in einen etwas fantastischen Showdown, der die ganze Geschichte mehr oder weniger kippen lässt.

DE: Darf ich fragen, was dich am Don-Juan-Mythos so fasziniert? Weshalb hast du ausgerechnet diesen Mythos aufgegriffen und in welcher Art und Weise hast du versucht, dich mit ihm auseinanderzusetzen?

SA: Don Juan ist für mich immer schon eine faszinierende Figur gewesen, weil er so hemmungslos unmoralisch ist und gleichzeitig aber auch sehr klare Regeln für sein Leben hat. Ich glaube, dass Don Juan deshalb für Generationen von Menschen faszinierend war, weil er dieses Tierische, Animalische, lebt, das wir uns alle insgeheim irgendwie wünschen, aber uns nicht erlauben. Deshalb war Don Juan wohl auch Zielscheibe und Inhalt christlicher Propaganda. Das Ende des Don Juan, die Tatsache, dass er im Endeffekt von der göttlichen Macht gerichtet wird, ist der christlich-katholisch geprägten Moral verpflichtet. Es ist diese christlich-katholisch Moral, die Don Juan am Ende zähmt. Die Figur an sich hat aber etwas sehr Libertines, etwas sehr Freidenkerisches, Naturwissenschaftliches. Etwas Aufklärerisches, das ist vielleicht das richtigere Wort. Deshalb steht im Roman Hundestaffel als Motto zu Beginn des Textes auch folgendes Zitat aus Molières Dom Juan. Dom Juan sagt bei Molière: „Was ich glaube? Ich glaube, dass zwei und zwei vier gibt und dass vier und vier acht ist.“ Auf eines kann man sich mit Don Juan immer berufen, nämlich auf Fakten. Er glaubt nur das, was er mit seinen eigenen Augen sieht. Seine Tragödie ist, dass er von etwas gerichtet wird, das hinter den Dingen steht. Gleichzeitig ist das, was hinter den Dingen steht, ein Mythos, das heißt, etwas von Menschen Gemachtes, eine menschliche Konstruktion. Insofern kämpft Don Juan ständig gegen etwas Fantastisches an. Er ist eine Figur, die überhaupt ständig irgendwie kämpft. Und er ist genau deshalb auch eine sehr vielschichtige Figur. Gleichzeitig sehr menschlich und zu tiefst animalisch. Absolut unmenschlich, aber nicht im tierischen Sinne. Don Juan hat sehr viele Beweggründe oder Motive für seine Handlungen, mehr in jedem Fall, als man ihm im Normalfall zugesteht. Normalerweise sieht man den Don Juan als Verkörperung des Triebhaften im Menschen; das Triebhafte steht bei ihm im Vordergrund. Tatsächlich ist er aber viel mehr als nur jemand, der schlicht seinen Trieben folgt: Er ist durch und durch ein Überzeugungstäter, und Überzeugungstäter finde ich immer sehr interessant.

DE: Diese deine Beschreibung des Don Juan macht ihn geradezu sympathisch, aber eigentlich kann ich dem Don Juan in deinem Text kaum Sympathie abgewinnen. Hannes ist eine Figur mit einem sehr ausgeprägten Willen zur Macht, mit Lust an der Macht über andere, finde ich. Das Tierische und Impulsive, das Instinkthafte deines Don Juan ist ganz stark an das Moment der Macht gekoppelt. Oder täuscht mich das? Natürlich gibst du der Figur auch psychologische Tiefe, indem du ihr eine Geschichte, eine Lebensgeschichte erschreibt. Du gibst ihr eine Familie, eine Kindheit.

SA: Durch die Macht, die er auszuüben vermag, hält Don Juan sich selbst am Leben. Das zentrale „Ding“ des Don Juan ist eigentlich, dass er nicht sterben will und doch immer sterben muss. Die Biologie holte ihn stets unwiderruflich ein. Das ist auch das Naturwissenschaftliche, das er verkörpert. Die Lust an der Macht ist natürlich ein wesentlicher Aspekt des Don Juan: Don Juan definiert sich selbst eben durch die Macht über andere. Don Juan wird zu Don Juan, weil er Frauen verführt. Und das muss er immer wieder tun. Dieser Zwang zur Wiederholung ist auch das komische Element bei Molière, ebenso bei Tirso und bei vielen anderen Ausformungen des Don Juan. Dass er am Ende auf einmal mit fünf Frauen gleichzeitig verheiratet ist, die alle daherkommen und ihr Recht einfordern, ist komisch. Keine dieser Hochzeiten hat als solche irgendetwas zu bedeuten. Es ist die Serie der Hochzeiten, die für den Don Juan konstituierend ist. Für die Figur des Hannes in Hundestaffel ist es eine kaum auszuhaltende Enttäuschung, als er die Erfahrung macht, dass seine Verführungskraft nachlässt und er seiner eigentlichen Aufgabe als Don Juan nicht mehr nachkommen kann. Er muss sich Mittel und Wege überlegen, wie er trotz aller Misserfolge als Don Juan weiterbestehen kann. Und deshalb kommt es in meinem Roman zum Rohypnolmissbrauch, der dann wiederum als Angelpunkt für die weitere Erzählung funktioniert, die sich zu einer Erzählung von Gegebenheiten weiterentwickelt, von denen niemand genau weiß, ob sie so tatsächlich stattgefunden haben. Unter dem Einfluss von Rohypnol wird Realität zu etwas Unwirklichem. Niemand weiß mehr, was tatsächlich geschehen ist. Kann man dem Erzähler noch trauen? Mein Text ist auch eine Auseinandersetzung mit der Unsicherheit des Erzählens, mit dem Thema Mythos im Allgemeinen. Es geht also um den Mythos als Fiktion einerseits und Macht und Jagd, den Don-Juan-Komplex, andererseits.

DE: Eine weitere und nicht weniger wichtige Facette deines Romans hat mich persönlich sehr interessiert. Du knüpfst ganz augenscheinlich auch an die biblische Geschichte an. Die Geschichte deines Textes spielt in der Karwoche. Es gibt Elemente, die an den Jesus-Mythos heranführen. Neben dem Don-Juan-Mythos scheint mir in Hundestaffel auch der Jesus-Mythos eine gewisse Relevanz zu haben. Und zu guter Letzt tritt auch noch Aktaion auf. Wie und weshalb hast du die drei miteinander verstrickt und verknüpft?

SA: Das sind tatsächlich die drei großen mythischen Ebenen, die sich in meinem Roman wiederfinden. Strukturell ist Don Juan die wichtigste Figur: Don Juan, wenn er in seinem Element ist, so wie er sich selbst gerne definiert. In der Geschichte des Don Juan kommt dann stets dieser Punkt, wo er durch seine Taten das Schicksal herausfordert. Er lädt immer irgendwie Schuld auf sich, und das Ganze gipfelt im Endeffekt in der Herausforderung des Göttlichen, indem er die Statue des Comandante zu sich nach Hause zum Essen einlädt. Dort schlägt er dann noch einige Aufforderungen zur Bekehrung aus, weshalb er am Ende in die Hölle, in die Unterwelt fährt. All diese Punkte oder Stationen der Handlungsentwicklung finden sich auch in meinem Roman wieder. Je intensiver ich mich mit dem Don-Juan-Mythos beschäftigt habe, umso mehr ist mir aufgefallen, wie sehr andere Mythen mit dem Don-Juan-Mythos verwandt sind, z.B. der Jesus-Mythos. In beiden Fällen sind wir mit einem unabwendbaren Ende konfrontiert. Das Sterben versteht sich als Notwendigkeit der Figur. Sowohl Jesus als auch Don Juan müssen am Ende sterben, um zu dem zu werden, was sie sind. Der Unterschied ist, dass Jesus sozusagen eine zweite Chance bekommt und noch einmal wiederkommen darf, während Don Juan unwiederbringlich in der Hölle schmort. Beide Figuren sind sehr charismatisch. Das Jagdmotiv, das im Don-Juan-Mythos so offensichtlich ist, findet sich im Menschenfischer Jesus wieder. Auf eine dunkle Art und Weise ist auch Don Juan ein Menschenfischer, der es durch sein Auftreten schafft, Menschen um sich zu scharen. Insofern passt der Jesus-Mythos sehr gut zum Don-Juan-Mythos. Das Naheverhältnis dieser beiden Mythen ist auch der Grund, weshalb ich mich dafür entschieden habe, die Handlung meines Romans in der Osterwoche anzusiedeln. In der Osterwoche kommt es zu einer Fahrt in die Unterwelt, gefolgt von einer Wiederauferstehung… Innerhalb des Kirchenjahrs steht die Karwoche für den Wiederauferstehungsgedanken. Dieser Wiederauferstehungsgedanke führt mich wiederum zu einem erzähltechnischen Aspekt im Roman. Im Erzählen erfindet man neu, erfindet man sich neu: Das ist Absicht und Aufgabe des Erzählers. Stellen wir uns den Erzähler als Diener vor. Don Juan ist nichts ohne seinen Diener. Don Juan und sein Diener sind sich Partner und Gegenfiguren in einem, ein nahezu schizophrenes Figurenduo. Sie treten fast immer zusammen auf und verkörpern so zwei Seiten einer Medaille. Einerseits Don Juan, der nach der Erfüllung seiner Triebe strebt, andererseits die Dienerfigur, die versucht, ihn daran zu hindern, aber dann doch immer mitmacht. Der Erzähler in meinem Roman ist auch so eine Art Sganarelle-Figur. Im Allgemeinen emanzipiert sich die Sganarelle-Figur durch die Höllenfahrt ihres Don Juans und erlebt so ihre Auferstehung.

Don Juan und sein Diener können aber auch als eine Figur gesehen werden. Der reine Teil der Figur, also der züchtige und brave, der zurückhaltende Teil, darf wieder auferstehen und weiterbestehen. Der diabolische und tierische Teil muss zur Hölle fahren. Eine seltsame Sache.

DE: Die Erzählerfigur, d.h.. die Sganarelle-Figur deines Romans ist extrem zwiespältige. Es gibt in deinem Roman eine Reflexionsebene, auf der die Problematik des Erzählers insgesamt abgehandelt wird. Kann man dem Erzähler überhaupt trauen? In deinem Roman fließt diese Frage durch ein spezielles Ereignis in die Geschichte ein: Der Erzähler trinkt nichtsahnend von einem Rohypnolcocktail und hat Gedächtnisausfälle. Diesen Gedächtnisverlust weiß er als Erzähler zu inszenieren. Man könnte auch sagen, er zieht Profit aus diesem Gedächtnisverlust. Er kann sagen: Ich weiß nicht mehr, ob es wirklich so war. Er kann also eine für sich selbst ideale Geschichte erzählen, aus der er als Held hervorgeht. Das ist ein spannender Aspekt.

SA: Das ist natürlich auch Teil der Don-Juan-Figur. Die Don-Juan-Figur wird immer durch ihre Geschichte betrogen. Molières Don Juan ist an sich eine Figur, der ich durchaus wünschen würde, dass sie überlebt. Sie ist im Grunde eine sehr ehrliche und irgendwie dadurch auch sympathische Figur. Don Juan leidet darunter, dass er in die Hölle fahren muss. Aber die Erzähler zwingen ihn dazu, die Erzähler tun ihm das immer wieder an. In meinem Text Hundestaffel rächt sich die Erzählerfigur an Don Juan mit ihrer Version der Geschichte. Es ist die Erzählerfigur, die am Ende übrig bleibt und deshalb in und mit der Geschichte tun kann, was sie will. Darum ist der Erzähler auch unzuverlässig, was in wiederum zu einem sehr menschlichen Erzähler macht. Uns allen ist daran gelegen, uns selbst im besten Licht erscheinen zu lassen und die Geschichte so zu erzählen, wie sie uns am besten passt.

DE: Um dies zum Ausdruck zu bringen, hast du dich im Roman ganz bestimmter Strategien bedient.

SA: Ja, die Unverlässlichkeit des Erzählers manifestiert sich in der ständigen Wiederkehr von mythischen und traumhaften Elementen. Vor allem in der Schlussszene des Romans, wo das fantastische Element einfließt, das auch im klassischen Don Juan zum Einsatz kommt: Die Statue bewegt sich plötzlich, und es ereignen sich übersinnliche Dinge. In der Schlussszene hab ich versucht, klar zu machen, dass der Erzähler die Fäden in der Hand hält und seiner Fabulierkunst freien Lauf lässt. Letztlich stirbt Hannes oder Don Juan an der Phantasie des Erzählers. Beziehungsweise er stirbt in der Phantasie des Erzählers. Die große Frage ist, wer am Ende recht hat, und ob man im Mythos überhaupt recht haben kann? Und die Antwort kann wohl nur Nein lauten. Und das ist wohl auch das Statement des Romans, beziehungsweise ein Hinweis für den Leser: Mythische Texte sind nicht für bare Münze zu nehmen. Die Ränder des Mythos sind faserig, unscharf. Überall Grauzonen, in denen man sich nicht sicher sein kann, wer wo steht. Das ist natürlich für Don Juan, der gerne hätte, dass zwei und zwei vier und vier und vier acht ist, eine traurige Erfahrung. Vielleicht stirbt er ja auch genau an dieser Unsicherheit.

DE: Das Ende des Romans ist sehr spannend. Das, was du als fantastisches Ende bezeichnet hast, appelliert an einen weiteren Mythos, nämlich den griechischen Mythos des Aktaion. Am Ende der Geschichte tritt ein Hirsch auf, der die Reinheit der Natur, ja fast etwas spirituell Erhabenes, Mystisches inkarniert. Der Hirsch knüpft natürlich auch wieder an die Jägerthematik an, die von Anfang eine Rolle spielt, weil Don Juan, wie du bereits angedeutet hast, ein Jäger ist, so wie Jesus ein Menschenfischer. Jagd und Jäger werden inszeniert. Die Hunde, die Hannes, der Don Juan deines Romans, abrichtet, treten auf. Spannend ist, dass das Jagen sich letztendlich gegen den Jäger richtet. Am Ende ist der Jäger der Gejagte, der an den Waffen, die er geschmiedet hat, zugrunde geht: Seine Hunde reißen ihn. Ein beeindruckendes Bild, ein beeindruckendes Finale, wenn sich am Ende alle Figuren auf einer Waldlichtung wiederfinden, mitten in der Natur, der Hirsch auftritt, und Don Juan fällt.

SA: Ich glaube, dass ich den Don-Juan-Mythos hier eher mit dem Aktaion-Mythos angereichert habe, als ihn wirklich zu verändern. Die Szene auf der Waldlichtung ist für mich sehr nahe an der ursprünglichen Version des Don Juan. Sein Ende leitet sich immer gleich ein: Er fordert die Statue, den Comandante, die Grabesfigur heraus. Er beleidigt sozusagen etwas Göttliches. Er lädt sie zu sich ein, was ganz wichtig ist. Und plötzlich, gegen jede Wahrscheinlichkeit, nickt die Statue, erwacht zum Leben, nimmt die Einladung an und Don Juan mit in die Hölle, nachdem dieser mehrfach eine Bekehrung zum reinen Glauben abgelehnt hat.

Da der Don Juan für mich stark mit der Natur verbunden ist, fand ich es passend, dass die Konfrontation von Don Juan und Comandante in meinem Roman auf einer Waldlichtung stattfindet. Don Juan ist ein Jäger, das heißt er ist im Wald zu Hause. Dass er an den Geistern scheitert, die er rief, bringt ihn in die Nähe des Aktaion-Mythos. Im Mythos des Aktaion beobachtet dieser Artemis, die große reine Göttin, zufällig und unabsichtlich beim Baden und zieht sich so ihren Zorn zu. Artemis verwandelt den Aktaion in einen Hirschen, und in der Gestalt dieses Hirschen wird er Opfer seiner eigenen Hunde. Etwas Ähnliches widerfährt Hannes. Auch er beleidigt das Göttliche, hetzt seine Hunde auf diesen Hirschen, der da plötzlich auf der Lichtung auftaucht. Und wie bei Molière und Tirso folgt nun der fantastische Moment: Statt einer Statue bewegt sich bei mir eben ein Toter undleitet damit den Untergang des Don Juan ein.

Ich finde es sehr tragisch, dass mein Don Juan von der Natur eingeholt wird, deren Teil er doch ist. Man könnte sagen: Der Tod der einzige Aspekt der Natur, den er nicht anerkennen will, der sich aber am Ende als oberstes Prinzip offenbart. Und vielleicht könnte man so auch das ganze religiöse Brimborium interpretieren, das dieser Figur immer schon anhing: Diese Statue steht für den Tod als höhere Macht. Don-Juan-Geschichten sind immer eine Auseinandersetzung mit dem Tod.

DE: Auf zwei Aspekte, die mir aufgefallen sind, möchte ich nochmals kurz zu sprechen kommen. In der Geschichte deines Romans spielen Träume eine große Rolle. Es werden immer wieder Traumsequenzen erzählt. Welche Funktion haben diese Traumsequenzen?

SA: Im Großen und Ganzen erweitern sie die mythische Dimension des ganzen Romans. Es handelt sich um eingeschobene Passagen, in denen sich die oberflächliche Handlung des Romans widergespiegelt und reflektiert wird. Sie dienen natürlich auch der Inszenierung der Unzuverlässigkeit des Erzählers. In jedem Fall erfüllen sie mehrerer Funktionen: Dass der Erzähler seine eigene Geschichte zu rekonstruieren versucht und dazu auf jeden Anhaltspunkt angewiesen ist, auch auf seine Träume, spielt eine Rolle. Dann das Zusammenspiel von Handlung am Tag, im Wachzustand, und Handlung in den Träumen in der Nacht beim Schlafen, und dass diese beiden Ebenen immer mehr ineinander übergehen. Die Figuren leben ja auch in einer Art Traumwelt, in diese Clubkultur, wo die Nacht zum Tag wird. All diese Ebenen fließen ineinander, heben sich teilweise gegenseitig auf und verstärken sich, überlagern sich. Im Text ist es so, dass im letzten Drittel des Romans der Traum schließlich vollkommen in den Wachzustand eindringt. Ich denke an die Szene, in der der Erzähler versehentlich von einem Rohypnolcocktail trinkt und unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen das, was tatsächlich um ihn herum passiert, wie einen Traum erlebt. In diesem Traum transformiert sich Hannes in einen Pfau. Was Traum und was Wirklichkeit ist, lässt sich nicht mehr genau festmachen. Diese Unsicherheit fördert in der Erzählerfigur den Willen zur Emanzipation, zum Bruch mit Hannes, mit Don Juan. Sie ist aber auch der Auslöser für die Spurensuche in der eigenen unmittelbaren Vergangenheit.

DE: Der Erzähler spricht sehr häufig zum Leser, er spricht ihn direkt an. Er hat aber noch einen weiteren Dialogpartner, der eine humoristisch ironisierende Funktion hat, nämlich einen gewissen James, den man relativ schnell als James Bond identifiziert. James Bond ist auch ein Jäger und als Agent 007 ein Frauenjäger. James Bond, noch ein Don Juan mehr. Nur er stirbt nicht.

Abermann: James dient in erster Linie der Ironisierung. Für mich ist James ein Indiz dafür, dass der Erzähler seine eigene Geschichte als Lügengeschichte kennzeichnet. Für den Leser ein Signal: Pass auf, was ich hier tue! Mit James greife ich meine eigene Geschichte an und sage die ganze Zeit, ich bin mir selbst nicht mehr sicher. Und dennoch ist man als Leser ständig versucht zu glauben, dass das, was da erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Man ist der Fiktion ausgeliefert. Das macht die Geschichte der Erzählerfigur in der Literatur so spannend: Man weiß, dass sie einen anlügen, und trotzdem muss man ihnen glauben. Glauben heißt aber nicht wissen. Und diese Unsicherheit, die macht natürlich den Reiz von solchen Geschichten aus. Mit dieser James-Figur ironisiert der Erzähler die Unsicherheit der Erzählung.

James ist aber auch für die innere Logik der Erzählsituation wichtig: Der Erzähler erhält ja Macht über die Erzählung, weil es keine Mitwisser gibt. Gleichzeitig braucht er einen fiktiven Ansprechpartner – einen Leser, den es nicht gibt. Aber von all dem abgesehen fand ich die Idee mit James auch einfach irgendwie lustig. Insofern ist diese Figur vielleicht das am wenigsten durchdachte Element des Romans.

DE: Mich hat Dein James Bond auch amüsiert. In dem Moment, in dem sich der Erzähler das erste Mal an James wendet und ihn quasi als Zeugen aufruft, fragt man sich, was an diesem Erzähler faul ist.

SA: Umso besser. Ich glaube ja, dass einfach alles an diesem Erzähler faul ist. Das wäre eine alternative Lesart des Romans, die mir immer besonders gut gefallen hat: dass man den ganzen Roman eigentlich als Lügengeschichte sehen könnte, die vom Don Juan selbst erzählt wird. Das wäre dann die Rettung des Don Juan, dass er nach außen hin so tut, als wäre er wieder einmal zur Hölle gefahren, als wäre wieder mal alles wie gewohnt abgelaufen. Aber insgeheim hat er diesmal sein Schicksal überlebt. Er hat Gott und die Welt ausgetrickst und überlebt hinter dem Blendwerk. Nach all den Jahrhunderten, die es diese Geschichte nun schon gibt, wäre ihm das zu gönnen.


Pour citer cette page

Stefan Abermann et Doris Eibl, « Stefan Abermann im Interview mit Doris Eibl (16. Januar 2015) » dans MuseMedusa, <http://musemedusa.com/dossier_2/stefan_abermann/> (Page consultée le 23 août 2017).


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